Myositis: Muskelentzündung erkennen und behandeln
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Wenn die Muskeln sich entzünden: Eine oft unterschätzte Erkrankung
Muskelschmerzen, die mehr bedeuten als Erschöpfung
Viele Menschen kennen das unangenehme Gefühl schmerzender Muskeln nach intensiver körperlicher Belastung. Doch was, wenn die Muskeln dauerhaft schmerzen, ohne dass man Sport getrieben hat? Was, wenn die Schwäche zunimmt, das Treppensteigen zur Qual wird und einfache Alltagsaufgaben plötzlich schwerfallen? In solchen Fällen kann hinter den Beschwerden eine Myositis stecken – eine entzündliche Erkrankung der Skelettmuskulatur, die deutlich ernsthafter ist als ein gewöhnlicher Muskelkater.
Myositis ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Oberbegriff für eine Gruppe entzündlicher Muskelerkrankungen. Sie können durch Autoimmunreaktionen, Infektionen, Medikamente oder toxische Substanzen ausgelöst werden. In Deutschland sind schätzungsweise mehrere zehntausend Menschen von entzündlichen Myopathien betroffen, wobei die genaue Zahl aufgrund der Seltenheit und der oft verzögerten Diagnose schwer zu beziffern ist. Die Erkrankungen betreffen Männer und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, wobei einige Formen häufiger im mittleren Lebensalter auftreten.
Das Tückische an der Myositis ist ihre schleichende Entwicklung. Viele Betroffene berichten, dass sie die ersten Symptome zunächst als normale Erschöpfung, Überanstrengung oder altersbedingte Beschwerden gedeutet haben. Monate können vergehen, bevor eine klare Diagnose gestellt wird. Diese Verzögerung ist medizinisch problematisch, denn entzündliche Muskelerkrankungen können bei unzureichender oder fehlender Behandlung zu dauerhaften Muskelschäden führen. Eine frühe Diagnose und eine gezielte Therapie sind daher entscheidend für den Krankheitsverlauf.
Dieser Artikel gibt Ihnen einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Formen der Myositis, ihre Ursachen, typischen Symptome, diagnostischen Möglichkeiten und Behandlungsansätze. Er ersetzt selbstverständlich keine ärztliche Beratung, soll Ihnen aber helfen, das Krankheitsbild besser zu verstehen und frühzeitig geeignete Schritte einzuleiten. Wenn Sie unter anhaltenden Muskelschmerzen leiden, sollten Sie unbedingt medizinischen Rat suchen.
Was ist Myositis? Definition und medizinische Einordnung
Myositis: Mehr als nur Muskelschmerzen
Der Begriff „Myositis" leitet sich aus dem Griechischen ab: „mys" bedeutet Muskel, „-itis" steht für Entzündung. Im medizinischen Sinne bezeichnet Myositis eine entzündliche Erkrankung der Skelettmuskulatur, die durch eine Infiltration von Immunzellen in das Muskelgewebe gekennzeichnet ist. Diese Immunzellen, darunter T-Lymphozyten, Makrophagen und andere Entzündungszellen, schädigen die Muskelfasern und führen zu deren Abbau – einem Prozess, der als Muskelnekrose bezeichnet wird.
Myositiden gehören zur größeren Gruppe der entzündlichen Myopathien, die wiederum zu den Kollagenosen oder systemischen Bindegewebserkrankungen gezählt werden. Es handelt sich in vielen Fällen um Autoimmunerkrankungen, bei denen das körpereigene Immunsystem irrtümlicherweise körpereigenes Muskelgewebe angreift. Dieser Mechanismus ähnelt anderen Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis oder dem systemischen Lupus erythematodes. Tatsächlich treten Myositiden häufig gemeinsam mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, was die diagnostische Einordnung erschwert.
Abgrenzung zu anderen Muskelerkrankungen
Es ist wichtig, Myositis von anderen Muskelerkrankungen abzugrenzen, die ebenfalls mit Schmerzen und Schwäche einhergehen können:
- Myopathien sind nicht-entzündliche Muskelerkrankungen, die durch genetische Defekte, Stoffwechselstörungen oder toxische Einflüsse entstehen.
- Muskelkater entsteht durch mikroskopische Muskelrisse nach ungewohnter Belastung und ist vorübergehend und harmlos.
- Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das ebenfalls die Muskulatur betrifft, jedoch ohne nachweisbare Entzündung oder Gewebeschaden – mehr dazu finden Sie unter Fibromyalgie.
- Muskelkrämpfe sind kurzfristige, schmerzhafte Kontraktionen ohne strukturelle Schädigung.
- Rhabdomyolyse ist eine akute, schwere Muskelzerstörung, die durch extreme Belastung, Medikamente oder Vergiftungen ausgelöst werden kann.
Die Unterscheidung ist klinisch bedeutsam, da die Behandlungsansätze grundlegend verschieden sind. Während Myositis oft eine immunsuppressive Therapie erfordert, wäre diese bei nicht-entzündlichen Muskelerkrankungen nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich.
Häufigkeit und Betroffene
Entzündliche Myopathien gelten insgesamt als seltene Erkrankungen. Die Inzidenz – also die Anzahl der Neuerkrankungen pro Jahr – wird je nach Form auf etwa 1 bis 10 pro 100.000 Einwohner geschätzt. Frauen sind von autoimmun bedingten Formen wie der Polymyositis und Dermatomyositis etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Einschlusskörperchen-Myositis hingegen tritt häufiger bei Männern über 50 Jahren auf. Insgesamt handelt es sich um ein Erkrankungsspektrum, das alle Altersgruppen betreffen kann, wobei verschiedene Formen typische Altersgipfel aufweisen.
Die verschiedenen Formen der Myositis im Überblick
Polymyositis: Die klassische Autoimmun-Myositis
Die Polymyositis (PM) ist eine der bekanntesten Formen der entzündlichen Myopathie. Sie befällt die Skelettmuskulatur symmetrisch, vor allem die proximale Muskulatur – also die Muskeln, die dem Rumpf nahestehen, wie Schulter-, Oberarm-, Hüft- und Oberschenkelmuskulatur. Betroffene berichten typischerweise von zunehmender Muskelschwäche beim Treppensteigen, beim Aufstehen aus einem Stuhl oder beim Heben der Arme über den Kopf. Schmerzen können auftreten, stehen aber oft nicht im Vordergrund. Die Polymyositis tritt vorwiegend bei Erwachsenen auf, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Dermatomyositis: Wenn die Haut mitbetroffen ist
Die Dermatomyositis (DM) ähnelt der Polymyositis in ihren Muskelsymptomen, weist jedoch zusätzlich charakteristische Hautveränderungen auf, die für die Diagnose richtungsweisend sind:
- Gottron-Papeln: Rötliche, schuppende Papeln über den Fingerknöcheln
- Heliotropes Exanthem: Violett-rötliche Verfärbung der Augenlider, oft mit Schwellung
- V-Zeichen: Gerötete Haut im Dekolleté-Bereich
- Schulterzeichen (Shawl-Sign): Rötung im Schulter- und Nackenbereich
- Mechanikerhand: Rissige, verdickte Haut an den Fingern und Handinnenflächen
Besonders wichtig: Bei der Dermatomyositis besteht ein erhöhtes Risiko für das gleichzeitige Vorliegen einer Tumorerkrankung (paraneoplastische Dermatomyositis), weswegen bei der Erstdiagnose immer eine sorgfältige Tumorsuche durchgeführt werden sollte. Die Assoziation variiert je nach Studie, liegt aber bei Erwachsenen mit Dermatomyositis bei etwa 15–30 %.
Einschlusskörperchen-Myositis: Die häufigste Form im höheren Alter
Die Einschlusskörperchen-Myositis (engl. Inclusion Body Myositis, IBM) ist die häufigste erworbene entzündliche Myopathie bei Menschen über 50 Jahren. Sie unterscheidet sich in mehrerlei Hinsicht von der Poly- und Dermatomyositis:
- Langsam fortschreitender Verlauf über viele Jahre
- Asymmetrische Muskelschwäche, häufig beginnend in den Fingerbeugemuskeln und den Oberschenkeln (Quadrizeps)
- Schluckbeschwerden (Dysphagie) sind häufig
- Schlechtes Ansprechen auf immunsuppressive Therapie
- Im Muskelgewebe finden sich charakteristische Einschlusskörperchen (daher der Name)
Juvenile Dermatomyositis: Myositis bei Kindern und Jugendlichen
Die juvenile Dermatomyositis betrifft Kinder und Jugendliche und stellt die häufigste entzündliche Myopathie im Kindesalter dar. Sie weist Besonderheiten gegenüber der Erwachsenenform auf, unter anderem eine stärkere Neigung zu Verkalkungen im Muskelgewebe (Calcinosis) und eine häufig bessere Langzeitprognose bei frühzeitiger Behandlung.
Weitere Formen
- Infektiöse Myositis: Ausgelöst durch Viren (z. B. Influenza, Coxsackieviren, COVID-19), Bakterien oder Parasiten
- Medikamentös induzierte Myositis: Bestimmte Medikamente, insbesondere Statine (Cholesterinsenker), können Muskelentzündungen auslösen
- Toxische Myositis: Durch Alkohol, Drogen oder chemische Substanzen verursacht
- Anti-Synthetase-Syndrom: Eine besondere Form mit Antikörpern gegen Aminoacyl-tRNA-Synthetasen, die neben Myositis auch Lungenbeteiligung und Arthritis aufweist
- Nekrotisierende Autoimmun-Myopathie (NAM): Rasch fortschreitende Form mit ausgeprägter Muskelnekrose
Ursachen der Myositis: Warum entzünden sich die Muskeln?
Autoimmunprozesse als häufigste Ursache
Bei der Mehrzahl der idiopathischen entzündlichen Myopathien liegt ein Autoimmunprozess zugrunde. Das Immunsystem – normalerweise darauf ausgerichtet, Krankheitserreger zu bekämpfen – richtet seine Angriffe gegen körpereigenes Muskelgewebe. Die genauen Auslöser dieses Versagens der Selbsttoleranz sind noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. So wurde beispielsweise eine Assoziation zwischen bestimmten HLA-Merkmalen (Human Leukocyte Antigens) und dem Risiko für eine Polymyositis oder Dermatomyositis nachgewiesen.
Autoantikörper spielen bei vielen Formen der Myositis eine zentrale diagnostische Rolle. Myositis-spezifische Antikörper (MSA) und Myositis-assoziierte Antikörper (MAA) helfen nicht nur bei der Diagnose, sondern geben auch Hinweise auf den Krankheitsverlauf und mögliche Organbeteiligungen. Zu den wichtigsten gehören:
- Anti-Jo-1-Antikörper: Häufig beim Anti-Synthetase-Syndrom, assoziiert mit Lungenbeteiligung
- Anti-Mi-2-Antikörper: Typisch für die klassische Dermatomyositis mit guter Therapieresponse
- Anti-MDA5-Antikörper: Assoziiert mit schnell fortschreitender Lungenbeteiligung
- Anti-TIF1γ-Antikörper: Häufig bei paraneoplastischer Dermatomyositis
- Anti-SRP-Antikörper: Typisch für die nekrotisierende Autoimmun-Myopathie
- Anti-HMGCR-Antikörper: Assoziiert mit Statin-induzierter nekrotisierender Myopathie
Infektiöse Ursachen
Verschiedene Infektionserreger können direkt oder indirekt eine Myositis auslösen:
- Viren: Influenza-Viren, Coxsackieviren, Enteroviren, HIV, Hepatitis-B- und C-Viren, COVID-19-Virus. Virale Myositiden verlaufen oft akut und selbstlimitierend.
- Bakterien: Staphylokokken, Streptokokken und andere können eine eitrige (pyogene) Myositis verursachen, die medizinisch als Notfall gilt.
- Parasiten: Trichinella spiralis (Trichinose), Toxoplasma gondii und Taenia solium können Muskelentzündungen verursachen.
Medikamente und toxische Substanzen
Ein in der Praxis häufig unterschätzter Auslöser von Muskelproblemen sind Medikamente. Besonders bekannt ist die Statin-induzierte Myopathie: Statine, die zur Behandlung von erhöhten Blutfettwerten weit verbreitet eingesetzt werden, können in seltenen Fällen eine Myositis oder sogar eine schwere nekrotisierende Autoimmun-Myopathie auslösen. Weitere myotoxische Substanzen und Medikamente sind:
- Alkohol (chronischer Missbrauch führt zu alkoholischer Myopathie)
- Hydroxychloroquin (bei sehr langer Anwendung)
- Colchicin
- Kortikosteroide (paradoxerweise können sie bei Langzeitanwendung eine Steroid-Myopathie verursachen)
- Einige Antibiotika und Antiretrovirale Medikamente
- Kokain und andere illegale Drogen
Genetische und hormonelle Faktoren
Obwohl Myositiden in der Regel nicht direkt vererbt werden, spielen genetische Faktoren eine modifizierende Rolle. Bestimmte HLA-Typen (z. B. HLA-DR3, HLA-DR52) erhöhen die Anfälligkeit für bestimmte Formen. Die Tatsache, dass Frauen häufiger betroffen sind, legt zudem hormonelle Einflüsse nahe, auch wenn die genauen Mechanismen noch erforscht werden.
Symptome der Myositis: Was Betroffene spüren
Das Leitsymptom: Muskelschwäche
Das charakteristischste und oft beeinträchtigendste Symptom der Myositis ist die Muskelschwäche. Anders als beim gewöhnlichen Muskelkater ist diese Schwäche nicht durch vorherige Belastung erklärbar und verschwindet auch nicht nach ein paar Tagen Ruhe. Sie betrifft typischerweise die proximale Muskulatur – also Schultern, Oberarme, Hüfte und Oberschenkel. Betroffene berichten häufig von ganz konkreten Alltagsproblemen:
- Schwierigkeiten beim Aufstehen aus einem tiefen Stuhl oder aus der Hocke
- Probleme beim Treppensteigen
- Schwierigkeiten beim Heben der Arme über den Kopf (z. B. beim Haare waschen)
- Fallneigung durch Schwäche der Beinmuskulatur
- Ermüdung bereits bei leichten Tätigkeiten
Diese funktionellen Einschränkungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und sich schleichend über Wochen bis Monate entwickeln.
Muskelschmerzen und weitere muskuläre Beschwerden
Nicht alle Myositis-Formen gehen mit ausgeprägten Schmerzen einher. Bei der Polymyositis und Dermatomyositis können die Muskeln druckempfindlich und schmerzhaft sein, bei der Einschlusskörperchen-Myositis stehen Schmerzen oft weniger im Vordergrund. Wenn Schmerzen auftreten, sind sie häufig dumpf, diffus und nicht klar einem bestimmten Bereich zuzuordnen – ähnlich wie bei allgemeinen Muskelschmerzen, aber anhaltender und intensiver.
Systemische Symptome und Organbeteiligung
Myositis kann als systemische Erkrankung weit über die Muskulatur hinausgehen:
- Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust, Fieber (besonders bei infektiöser Myositis)
- Lunge: Bei etwa 30–40 % der Patienten mit inflammatorischer Myopathie (besonders beim Anti-Synthetase-Syndrom) kann eine interstitielle Lungenerkrankung auftreten, die sich durch Husten und Luftnot äußert
- Gelenke: Arthritis oder Arthralgien (Gelenkschmerzen ohne sichtbare Entzündungszeichen)
- Herz: Herzmuskelentzündung (Myokarditis), Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz können vorkommen, sind aber seltener
- Speiseröhre: Schluckbeschwerden (Dysphagie) durch Beteiligung der Schlundmuskulatur, besonders bei IBM und schwerer Dermatomyositis
- Haut: Charakteristische Hautveränderungen bei Dermatomyositis (siehe Abschnitt Formen)
- Raynaud-Phänomen: Anfallsweise Durchblutungsstörungen der Finger bei Kälte
Wann sofort zum Arzt?
Bestimmte Symptome erfordern eine rasche medizinische Abklärung:
- Schnell zunehmende Muskelschwäche innerhalb weniger Wochen
- Schluckbeschwerden oder Atemnot
- Auffällige Hautveränderungen in Kombination mit Muskelschwäche
- Dunkler, braunroter Urin (kann auf schwere Muskelzerstörung mit Freisetzung von Myoglobin hinweisen – medizinischer Notfall)
- Hohes Fieber in Verbindung mit Muskelschmerzen und -schwäche
- Symptome, die sich trotz Ruhe nicht bessern oder sogar verschlechtern
Wichtig: Anhaltende, unklare Muskelschwäche oder -schmerzen sollten immer ärztlich abgeklärt werden. Nur ein Arzt kann durch gezielte Untersuchungen und Tests feststellen, ob eine Myositis oder eine andere Erkrankung vorliegt.
Diagnose der Myositis: Wie wird die Erkrankung festgestellt?
Der Weg zur Diagnose – oft ein langer Prozess
Die Diagnose einer Myositis stellt selbst erfahrene Ärzte vor Herausforderungen. Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt und die Symptome unspezifisch beginnen können, vergehen zwischen dem Auftreten erster Beschwerden und der gesicherten Diagnose oft Monate bis zu mehreren Jahren. Ein häufiges Szenario ist, dass Betroffene zunächst orthopädisch behandelt werden oder eine Depression vermutet wird, bevor schließlich ein Rheumatologe oder Neurologe die richtige Diagnose stellt.
Die Diagnose wird in der Regel durch eine Kombination mehrerer Untersuchungsmethoden gestellt, da keine einzelne Methode allein ausreichend ist:
Laboruntersuchungen
Blutuntersuchungen liefern wichtige Hinweise auf eine Muskelentzündung:
- Kreatinkinase (CK): Dieses Enzym wird aus geschädigten Muskelzellen freigesetzt und ist bei aktiver Myositis oft stark erhöht – manchmal auf das Zehn- bis Hundertfache des Normwerts. Allerdings kann die CK bei der IBM oder bei Inaktivität auch normal sein.
- Aldolase, LDH, GOT, GPT: Weitere Muskelenzyme, die bei Muskelschädigung erhöht sein können
- CRP und BSG: Allgemeine Entzündungsmarker, die auf eine systemische Entzündungsreaktion hinweisen
- Myositis-spezifische Antikörper (MSA): Anti-Jo-1, Anti-Mi-2, Anti-MDA5, Anti-TIF1γ und andere – positiv bei einem Teil der Patienten, helfen bei der Klassifikation
- Blutbild: Kann Hinweise auf Infektionen oder Anämie geben
- Schilddrüsenwerte: Da Schilddrüsenerkrankungen ebenfalls Muskelschwäche verursachen können, sollten diese ausgeschlossen werden
Bildgebende Verfahren
- MRT der Muskulatur: Die Magnetresonanztomographie ist das sensitivste bildgebende Verfahren zum Nachweis von Muskelentzündungen. Entzündetes Muskelgewebe zeigt sich im MRT als Ödem (Gewebsflüssigkeit). Das MRT kann auch dabei helfen, die geeignete Stelle für eine Muskelbiopsie zu bestimmen.
- Ultraschall der Muskulatur: Kann Muskelödeme und strukturelle Veränderungen sichtbar machen, ist günstiger und schneller als das MRT, aber weniger spezifisch.
Elektromyographie (EMG)
Bei der Elektromyographie werden kleine Nadelelektroden in die Muskulatur eingeführt, um die elektrische Aktivität der Muskeln zu messen. Bei entzündlichen Myopathien zeigen sich charakteristische Veränderungen im EMG-Muster, die helfen, die Erkrankung von anderen neuromuskulären Störungen abzugrenzen.
Muskelbiopsie: Der diagnostische Goldstandard
Die Muskelbiopsie – die Entnahme einer kleinen Gewebeprobe aus einem betroffenen Muskel – gilt als Goldstandard bei der Diagnose entzündlicher Myopathien. Unter dem Mikroskop können Pathologen charakteristische Muster erkennen:
- Bei der Polymyositis: Infiltration mit CD8+-T-Lymphozyten, die Muskelfasern umgeben und in sie eindringen
- Bei der Dermatomyositis: Perivaskuläre Entzündungszellen und perifaszikuläre Atrophie
- Bei der IBM: Charakteristische vakuoläre Veränderungen und Einschlusskörperchen
- Bei der nekrotisierenden Myopathie: Ausgedehnte Muskelfasernekrosen ohne nennenswerte Entzündungszellen
Weitere diagnostische Maßnahmen
Je nach klinischem Bild werden zusätzliche Untersuchungen durchgeführt:
- Tumorsuche bei Dermatomyositis: CT-Thorax, CT-Abdomen, gynäkologische Untersuchung, Koloskopie und weitere, je nach Alter und Risikoprofil
- Lungenfunktionsuntersuchung und HRCT der Lunge: Zum Ausschluss einer interstitiellen Lungenerkrankung
- Herzuntersuchungen: EKG, Echokardiographie bei Verdacht auf Herzbeteiligung
- Schluckdiagnostik: Bei Dysphagie
Behandlung der Myositis: Möglichkeiten und Grenzen der Therapie
Grundprinzipien der Behandlung
Die Behandlung der Myositis richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache, der betroffenen Form, der Schwere der Erkrankung und den betroffenen Organen. Bei autoimmun bedingten entzündlichen Myopathien ist das übergeordnete Ziel, die überschießende Immunreaktion zu dämpfen und gleichzeitig Muskelfunktion und -kraft zu erhalten oder wiederherzustellen. Eine Heilung im Sinne einer vollständigen Beseitigung der Ursache ist bei Autoimmunmyositiden derzeit nicht möglich, aber viele Patienten erreichen mit der richtigen Behandlung eine deutliche Verbesserung oder Remission.
Die Betreuung sollte idealerweise interdisziplinär erfolgen: Rheumatologen, Neurologen, Physiotherapeuten, Pneumologen (bei Lungenbeteiligung) und weitere Spezialisten arbeiten zusammen. Ausführliche Informationen zu allgemeinen Behandlungsansätzen finden Sie in unserem entsprechenden Ratgeber.
Kortikosteroide: Die erste Wahl bei Autoimmun-Myositis
Kortikosteroide, insbesondere Prednisolon, sind die Erstlinientherapie bei den meisten autoimmun bedingten entzündlichen Myopathien. Sie wirken stark entzündungshemmend und immunsuppressiv. Typischerweise wird mit einer hohen Dosis begonnen (z. B. 1 mg/kg Körpergewicht pro Tag) und diese dann schrittweise über Monate reduziert. Viele Patienten sprechen gut auf Kortikosteroide an und erleben eine deutliche Verbesserung ihrer Muskelschwäche und der CK-Werte.
Allerdings haben Kortikosteroide bei Langzeitanwendung erhebliche Nebenwirkungen:
- Gewichtszunahme und Fettumverteilung (Cushing-Syndrom)
- Osteoporose (Knochenschwund)
- Erhöhter Blutzucker, Risiko für Diabetes
- Erhöhter Blutdruck
- Paradoxe Steroid-Myopathie bei langer Anwendung
- Erhöhtes Infektionsrisiko
- Magenprobleme
Daher werden Kortikosteroide immer auf die niedrigst mögliche wirksame Dosis reduziert und häufig durch andere Immunsuppressiva ergänzt oder ersetzt (sogenannte „Steroid-sparende" Therapie).
Immunsuppressiva und weitere Medikamente
Für die Langzeittherapie oder bei unzureichendem Ansprechen auf Kortikosteroide stehen verschiedene weitere Wirkstoffe zur Verfügung:
- Methotrexat (MTX): Eines der am häufigsten eingesetzten Medikamente; wöchentliche Gabe, gut verträglich bei regelmäßiger Kontrolle
- Azathioprin: Ebenfalls häufig eingesetzt, besonders bei Patienten mit Lungenbeteiligung
- Mycophenolatmofetil (MMF): Zunehmend eingesetzt, besonders bei interstitieller Lungenerkrankung
- Hydroxychloroquin: Kann als Ergänzung bei milden Formen der Dermatomyositis eingesetzt werden
- Intravenöse Immunglobuline (IVIG): Bei schweren oder therapierefraktären Verläufen, auch bei Dermatomyositis mit ausgeprägten Hautveränderungen
- Rituximab: Ein Biologikum (Anti-CD20-Antikörper), das zunehmend bei refraktärer Myositis eingesetzt wird
- Tacrolimus oder Cyclosporin: Besonders bei Lungenbeteiligung
- Jakinus-Kinase-Inhibitoren (JAK-Inhibitoren): In klinischer Erprobung und bei bestimmten Formen, besonders bei MDA5-assoziierter Dermatomyositis
Physiotherapie: Unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung
Physiotherapie ist ein zentraler Baustein in der Behandlung der Myositis. Lange Zeit wurde angenommen, dass Betroffene körperliche Belastung meiden sollten. Heute weiß man, dass dosiertes, regelmäßiges Training unter Aufsicht erfahrener Physiotherapeuten die Muskelfunktion verbessern und den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann, ohne eine Verschlechterung der Entzündungsaktivität zu provozieren.
Empfohlen werden:
- Ausdauertraining (z. B. Fahrradergometer, Schwimmen) in moderater Intensität
- Krafttraining der betroffenen Muskelgruppen
- Dehn- und Beweglichkeitsübungen zur Vermeidung von Kontrakturen
- Ergotherapie zur Adaptation des Alltags bei bleibenden Einschränkungen
- Logopädie bei Schluckproblemen
Topische Behandlung und Hilfsmittel
Bei Hautbeteiligung (Dermatomyositis) können lokale Maßnahmen die Hautveränderungen lindern. Hierzu zählen spezielle Lichtschutzmittel (UV-Schutz ist wichtig) sowie entzündungshemmende Cremes. Zur lokalen Unterstützung bei Muskelschmerzen können auch Salben und Cremes eingesetzt werden, die entzündungshemmende Wirkstoffe enthalten – allerdings bei Myositis als Ergänzung, nicht als Haupttherapie.
Behandlung spezifischer Formen
- Infektiöse Myositis: Antibiotika bei bakteriellen Formen, antivirale Mittel bei bestimmten viralen Myositiden; bei pyogener Myositis ist oft eine chirurgische Drainage erforderlich.
- Medikamentös induzierte Myositis: Absetzen des auslösenden Medikaments; bei Statin-induzierter nekrotisierender Myopathie ist zusätzlich eine immunsuppressive Therapie notwendig.
- Einschlusskörperchen-Myositis: Leider spricht IBM kaum auf immunsuppressive Therapien an. Physiotherapie steht im Mittelpunkt; neue Therapieansätze werden in klinischen Studien erprobt.
Monitoring und Langzeitbetreuung
Myositis erfordert eine langfristige medizinische Begleitung. Regelmäßige Laborkontrollen (CK, Blutbild, Leber- und Nierenwerte), klinische Untersuchungen und gegebenenfalls Verlaufsbildgebung sind wichtig, um Krankheitsaktivität, Therapieansprechen und Nebenwirkungen der Medikamente zu überwachen. Begleiterscheinungen wie Osteoporose unter Kortikosteroidtherapie sollten prophylaktisch behandelt werden (Kalzium, Vitamin D, ggf. Bisphosphonate).
Zusammenfassung: Das Wichtigste zur Myositis auf einen Blick
Myositis – selten, aber ernst zu nehmen
Myositis bezeichnet eine Gruppe entzündlicher Muskelerkrankungen, die in vielen Fällen durch fehlgeleitete Immunreaktionen entstehen. Die häufigsten Formen – Polymyositis, Dermatomyositis und Einschlusskörperchen-Myositis – unterscheiden sich in ihren klinischen Merkmalen, dem Ansprechen auf Therapie und der Prognose erheblich voneinander. Allen gemeinsam ist die Muskelschwäche als zentrales Symptom, die das Alltagsleben der Betroffenen stark einschränken kann.
Die wichtigsten Punkte im Überblick:
- Myositis ist ein Oberbegriff für entzündliche Muskelerkrankungen verschiedener Ursachen
- Autoimmunprozesse stehen im Vordergrund der häufigsten Formen
- Leitsymptom ist die proximal betonte Muskelschwäche
- Dermatomyositis ist durch charakteristische Hautzeichen erkennbar und erfordert eine Tumorsuche
- Die Diagnose erfolgt durch Kombination aus Labor, EMG, MRT und Muskelbiopsie
- Kortikosteroide sind Mittel der ersten Wahl; Immunsuppressiva werden ergänzend eingesetzt
- Physiotherapie ist unverzichtbarer Bestandteil jeder Therapie
- Frühzeitige Diagnose und Behandlung verbessern die Langzeitprognose deutlich
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind für alle Betroffenen unerlässlich
- Eine psychosoziale Unterstützung sollte nicht vergessen werden, da chronische Erkrankungen die psychische Gesundheit belasten
Prognose und Lebensqualität
Die Prognose der Myositis hängt stark von der jeweiligen Form, dem Ausmaß der Organbeteiligung und dem Therapieansprechen ab. Viele Patienten mit Polymyositis oder Dermatomyositis erreichen unter konsequenter Therapie eine gute Krankheitskontrolle oder sogar eine anhaltende Remission. Die Einschlusskörperchen-Myositis hingegen schreitet trotz Therapie langsam fort. Mit einer engmaschigen Betreuung, der richtigen Kombination aus medikamentöser Therapie und Physiotherapie sowie einer aktiven Mitarbeit der Betroffenen lässt sich die Lebensqualität in vielen Fällen wesentlich verbessern.
Wenn Sie anhaltende Muskelschwäche, ungeklärte Muskelschmerzen oder Hautveränderungen in Verbindung mit Muskelbeschwerden bei sich bemerken, zögern Sie nicht, einen Arzt aufzusuchen. Weiterführende Informationen zu verwandten Muskelerkrankungen und Schmerzsyndromen finden Sie auf unserer Übersichtsseite zu Muskelschmerzen.
Medizinischer Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt oder Orthopäden. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte immer einen Facharzt.
📚Wissenschaftliche Quellen
Die folgenden externen Quellen dienen als Grundlage für die in diesem Artikel präsentierten Informationen:
- 📋LeitlinieDeutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh): Leitlinien und Empfehlungen zu entzündlichen Myopathienhttps://dgrh.de/Start/Publikationen/Leitlinien.html
- 📋
- 📊
- 📊StudieDalakas MC: Inflammatory muscle diseases. N Engl J Med. 2015https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26222558/
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