Arthritis: Was ist Gelenkentzündung und wie wird sie behandelt?
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Einleitung: Wenn Gelenke sich entzünden
Millionen Betroffene – ein weit verbreitetes Problem
Gelenkschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden, die Menschen aller Altersgruppen zum Arzt führen. Doch nicht jeder Gelenkschmerz ist gleich: Hinter dem Begriff Arthritis verbirgt sich eine ganze Familie von Erkrankungen, die eines gemeinsam haben – eine Entzündung im Gelenk. In Deutschland leiden schätzungsweise 800.000 bis über eine Million Menschen an rheumatoider Arthritis allein, der bekanntesten chronischen Form. Hinzu kommen hunderttausende weitere Betroffene mit anderen Arthritis-Formen. Das macht Arthritis zu einem der bedeutendsten Volksleiden überhaupt.
Viele Betroffene erleben den Beginn einer Arthritis schleichend: Die Finger morgens steif, das Knie geschwollen nach einem banalen Infekt, oder ein plötzlich überwärmt wirkendes Gelenk ohne erkennbaren Grund. Was zunächst wie eine vorübergehende Erscheinung wirkt, kann sich als ernstzunehmende Erkrankung herausstellen, die konsequenter Diagnose und Behandlung bedarf. Frühzeitiges Erkennen und Handeln ist dabei entscheidend – sowohl um Schmerzen zu lindern als auch um dauerhafte Gelenkschäden zu verhindern.
Dieser Artikel gibt Ihnen einen umfassenden Überblick über Arthritis: Was genau dahintersteckt, welche Formen existieren, wie Ärzte sie diagnostizieren und welche modernen Therapieoptionen zur Verfügung stehen. Ob Sie selbst betroffen sind, sich um ein Familienmitglied sorgen oder einfach gut informiert sein möchten – hier finden Sie fundierte, verständlich aufbereitete Informationen auf dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft.
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Gelenkbeschwerden, Schwellungen oder Schmerzen sollten Sie stets einen Arzt aufsuchen, um eine genaue Diagnose zu erhalten und eine individuelle Behandlung einzuleiten. Weiterführende Informationen zu verwandten Erkrankungen des Bewegungsapparates finden Sie auch in unserem Lexikon.
Definition: Was ist Arthritis genau?
Der medizinische Begriff und seine Bedeutung
Das Wort Arthritis stammt aus dem Griechischen: „arthron" bedeutet Gelenk, „-itis" ist die medizinische Endung für Entzündung. Arthritis bezeichnet also wörtlich eine Gelenkentzündung. Diese Definition klingt simpel, umfasst aber ein breites Spektrum an Erkrankungen mit sehr unterschiedlichen Ursachen, Verläufen und Behandlungsansätzen. Entscheidend ist das Entzündungsgeschehen selbst: Im betroffenen Gelenk kommt es zu einer Aktivierung des Immunsystems, einer vermehrten Durchblutung und dem Einwandern von Entzündungszellen in die Gelenkschleimhaut (Synovialis).
Was im Gelenk bei Arthritis passiert
Ein gesundes Gelenk ist ein präzises Zusammenspiel von Knorpel, Knochen, Gelenkkapsel und Gelenkflüssigkeit (Synovia). Die Gelenkschleimhaut produziert diese Flüssigkeit und sorgt für Schmierung und Ernährung des Knorpels. Bei einer Arthritis gerät dieses System aus dem Gleichgewicht: Entzündungsbotenstoffe – sogenannte Zytokine wie Interleukin-1, Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) – werden in großen Mengen freigesetzt. Sie lösen Schmerz, Schwellung und Überwärmung aus und können bei chronischem Verlauf den Gelenkknorpel und angrenzende Knochenstrukturen dauerhaft schädigen.
Die Gelenkschleimhaut kann sich entzündungsbedingt verdicken und bildet sogenanntes Pannusgewebe, das invasiv in Knorpel und Knochen einwächst. Dieser Mechanismus ist besonders bei der rheumatoiden Arthritis gefürchtet, weil er zu irreversiblen Gelenkzerstörungen führen kann, wenn die Erkrankung nicht ausreichend behandelt wird.
Abgrenzung zur Arthrose
Häufig werden Arthritis und Arthrose verwechselt oder gleichgesetzt – dabei handelt es sich um grundlegend verschiedene Erkrankungen. Arthrose ist primär ein degenerativer Verschleißprozess des Gelenkknorpels, der vor allem im höheren Lebensalter auftritt und nicht zwingend mit einer aktiven Entzündung verbunden ist. Arthritis hingegen ist definitionsgemäß entzündlich. Allerdings können beide Erkrankungen nebeneinander bestehen: Eine fortgeschrittene Arthrose kann sekundär entzündliche Schübe auslösen, man spricht dann von einer aktivierten Arthrose.
Ein weiterer wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist der Rheumatismus – ein Oberbegriff für viele verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates, zu denen auch verschiedene Arthritis-Formen zählen. Die rheumatoide Arthritis ist die häufigste entzündlich-rheumatische Gelenkerkrankung. Daneben gibt es aber noch viele weitere rheumatische Erkrankungen, die Muskeln, Sehnen und andere Strukturen betreffen, wie etwa Myalgien oder Erkrankungen der Sehnen.
Formen der Arthritis: Ein Überblick
Die wichtigsten Arthritis-Typen im Überblick
Arthritis ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Sammelbegriff für eine Vielzahl entzündlicher Gelenkerkrankungen. Die Unterscheidung der verschiedenen Formen ist medizinisch entscheidend, da Ursachen, Verlauf und Therapie sich erheblich unterscheiden können. Im Folgenden werden die wichtigsten Formen ausführlich beschrieben.
Rheumatoide Arthritis (RA)
Die rheumatoide Arthritis (früher auch chronische Polyarthritis genannt) ist die häufigste entzündlich-rheumatische Gelenkerkrankung. In Deutschland sind etwa 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, aber auch jüngere Menschen können betroffen sein.
Bei der RA handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem richtet sich fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe, vor allem gegen die Gelenkschleimhaut. Charakteristisch ist der symmetrische Befall kleiner Gelenke – typischerweise der Fingergrund- und Fingermittelgelenke, der Handgelenke und der Zehengelenke. Morgensteifigkeit, die länger als 30 bis 60 Minuten anhält, gilt als klassisches Leitsymptom. Ohne adäquate Therapie drohen Gelenkdeformierungen und der Verlust der Funktionsfähigkeit.
Psoriasis-Arthritis
Die Psoriasis-Arthritis (PsA) tritt bei etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit Schuppenflechte (Psoriasis) auf. Sie kann verschiedene Gelenkbereiche befallen und zeigt ein sehr variables Erscheinungsbild – von der einseitigen Entzündung einzelner Gelenke bis zum symmetrischen Befall vieler Gelenke. Typisch ist auch die Beteiligung der Wirbelsäule und der Enthesen (Ansätze von Sehnen und Bändern am Knochen). Hautveränderungen und Gelenkbeschwerden müssen nicht gleichzeitig auftreten – die Arthritis kann der Hautsymptomatik sogar vorausgehen.
Reaktive Arthritis
Die reaktive Arthritis entsteht als immunologische Reaktion des Körpers auf eine vorangegangene Infektion, meist im Urogenitaltrakt oder im Magen-Darm-Bereich. Häufige Auslöser sind Chlamydien, Salmonellen, Yersinien oder Campylobacter. Das Gelenk selbst ist dabei nicht direkt infiziert – die Entzündung ist eine Fernreaktion des Immunsystems. Typischerweise beginnt die reaktive Arthritis zwei bis vier Wochen nach der Infektion und befällt bevorzugt die großen Gelenke der unteren Extremitäten (Knie, Sprunggelenk). Sie heilt in vielen Fällen nach Wochen bis Monaten vollständig ab.
Septische (infektiöse) Arthritis
Die septische Arthritis ist ein medizinischer Notfall: Hier dringen Erreger – meist Bakterien wie Staphylokokken oder Streptokokken – direkt in das Gelenk ein, etwa durch eine Verletzung, eine Operation oder über den Blutweg bei einer Sepsis. Das betroffene Gelenk ist hochgradig schmerzhaft, geschwollen, gerötet und überwärmt. Ohne sofortige Behandlung (antibiotisch, oft chirurgisch) drohen dauerhafte Gelenkschäden oder lebensbedrohliche Komplikationen. Bei Verdacht auf eine septische Arthritis ist eine sofortige ärztliche Vorstellung zwingend erforderlich.
Gicht-Arthritis (Gichtanfall)
Bei der Gicht-Arthritis lagern sich Harnsäurekristalle im Gelenk ab, was zu explosionsartigen Entzündungsschüben führt. Klassisch betroffen ist das Großzehengrundgelenk (Podagra), aber auch Sprunggelenke, Knie und Finger können befallen sein. Ein Gichtanfall beginnt oft nachts mit extremen Schmerzen, Rötung und Schwellung. Auslöser sind häufig purinreiche Mahlzeiten (Innereien, Meeresfrüchte), Alkohol oder Dehydrierung. Gicht tritt häufiger bei Männern auf und ist eng mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Übergewicht verbunden.
Weitere Arthritis-Formen im Überblick
- Spondyloarthritiden: Gruppe entzündlicher Erkrankungen, die bevorzugt die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke befallen (z. B. Morbus Bechterew / Ankylosierende Spondylitis)
- Juvenile idiopathische Arthritis (JIA): Arthritis-Formen bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren
- Lupus-Arthritis: Gelenkentzündung im Rahmen des systemischen Lupus erythematodes (SLE)
- Arthritis bei Borreliose: Gelenkentzündung als Spätmanifestation der Lyme-Erkrankung nach Zeckenstich
- Kristallarthropathien: Neben Gicht auch Chondrokalzinose (Ablagerung von Calciumpyrophosphatkristallen)
- Enteropathische Arthritis: Gelenkentzündung als Begleiterkrankung bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa
Ursachen und Risikofaktoren der Arthritis
Warum entsteht Arthritis?
Die Entstehung einer Arthritis ist je nach Form sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist allen Arthritis-Formen, dass es zu einer Aktivierung entzündlicher Prozesse im Gelenk kommt – doch die Auslöser dafür variieren erheblich. Grundsätzlich lassen sich autoimmune, infektiöse, reaktive und metabolische Ursachen unterscheiden.
Genetische und immunologische Faktoren
Bei Autoimmunarthritiden wie der rheumatoiden Arthritis spielen genetische Faktoren eine bedeutende Rolle. Bestimmte Varianten des HLA-Systems (Human Leukocyte Antigen), insbesondere das HLA-DR4-Allel, erhöhen das Erkrankungsrisiko deutlich. Wer Verwandte ersten Grades mit rheumatoider Arthritis hat, trägt ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Die Genetik allein erklärt die Entstehung jedoch nicht vollständig – es braucht zusätzliche Auslöser, sogenannte Trigger.
Das Immunsystem verliert bei Autoimmunarthritiden seine Toleranz gegenüber körpereigenen Strukturen. Es bildet Autoantikörper wie den Rheumafaktor (RF) und Anti-CCP-Antikörper (ACPA), die als diagnostische Marker genutzt werden und nachweislich am Entzündungsgeschehen beteiligt sind. Warum dieses Toleranzversagen entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt.
Umweltfaktoren und Lebensstil
Neben der genetischen Veranlagung beeinflussen zahlreiche Umwelt- und Lebensstilfaktoren das Arthritis-Risiko:
- Rauchen: Gilt als einer der stärksten vermeidbaren Risikofaktoren für die rheumatoide Arthritis. Raucher haben ein bis zu doppelt so hohes RA-Risiko wie Nichtraucher; außerdem sprechen sie schlechter auf bestimmte Therapien an
- Übergewicht: Erhöht das Risiko für Gicht, Psoriasis-Arthritis und reaktive Arthritiden; zudem begünstigt es Entzündungsprozesse durch die Freisetzung von Adipokinen aus dem Fettgewebe
- Infektionen: Virale (z. B. Parvovirus B19, Epstein-Barr-Virus) und bakterielle Infektionen können arthritische Beschwerden auslösen oder als Trigger für Autoimmunprozesse wirken
- Hormonelle Faktoren: Östrogen scheint eine schützende Wirkung bei manchen Arthritis-Formen zu haben – dies erklärt möglicherweise teilweise, warum Frauen häufiger an RA erkranken als Männer, und warum Schwangerschaften oft mit einer Remission der RA einhergehen
- Stress und psychische Belastung: Chronischer Stress kann über neuroimmunologische Mechanismen Entzündungsprozesse verstärken und als Trigger für Schübe wirken
- Ernährung: Eine purinarme Ernährung reduziert das Gichtrisiko; eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Fisch und Olivenöl wird mit niedrigeren Entzündungsmarkern assoziiert
- Mikrobiom: Zunehmend zeigen Forschungen, dass die Darmflora (Mikrobiom) bei der Entstehung von Autoimmunarthritiden eine Rolle spielt
- Berufliche Belastungen: Schwere körperliche Arbeit und repetitive Bewegungsabläufe können Gelenkstrukturen belasten und Entzündungen begünstigen
Metabolische und kristallbedingte Ursachen
Bei der Gicht ist der Stoffwechsel der Harnsäure gestört: Entweder wird zu viel Harnsäure produziert (z. B. bei purinreicher Ernährung oder Tumorlyse) oder zu wenig über die Nieren ausgeschieden. Bestimmte Medikamente wie Diuretika (Entwässerungsmittel) können den Harnsäurespiegel ebenfalls erhöhen. Wenn der Blutspiegel der Harnsäure einen kritischen Wert (meist über 6,8 mg/dl) übersteigt, kristallisiert Harnsäure in den Gelenken aus und löst heftige Entzündungsreaktionen aus.
Ähnliche kristallbedingte Mechanismen liegen der Chondrokalzinose zugrunde, bei der sich Calciumpyrophosphatkristalle im Gelenkknorpel ablagern – oft im Zusammenhang mit Schilddrüsenerkrankungen, Hyperparathyreoidismus oder Hämochromatose. Auch Sehnenscheidenentzündungen können in der Nähe entzündeter Gelenke auftreten und die Beschwerden verstärken.
Symptome: Wie macht sich Arthritis bemerkbar?
Die klassischen Zeichen einer Gelenkentzündung
Unabhängig von der Ursache zeigen entzündete Gelenke typischerweise die fünf klassischen Entzündungszeichen, die bereits in der Antike beschrieben wurden: Schmerz (Dolor), Schwellung (Tumor), Rötung (Rubor), Überwärmung (Calor) und Funktionseinschränkung (Functio laesa). Diese Leitsymptome treten bei Arthritis in unterschiedlicher Ausprägung auf – je nach Form, betroffenen Gelenken und Stadium der Erkrankung.
Symptome der rheumatoiden Arthritis im Detail
Ein häufiges Szenario ist das folgende: Die Patientin wacht morgens auf und bemerkt, dass ihre Finger steif und geschwollen sind. Das Händeschütteln, das Aufdrehen einer Flasche oder das Schreiben fällt schwer. Diese Morgensteifigkeit ist ein Kardinalsymptom der RA und dauert definitionsgemäß länger als 30 Minuten, oft sogar mehrere Stunden. Mit Bewegung bessert sie sich typischerweise – dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur Arthrose, bei der Schmerzen eher am Ende des Tages zunehmen.
Die RA befällt charakteristischerweise symmetrisch mehrere Gelenke gleichzeitig. Typisch betroffen sind:
- Fingergrundgelenke (MCP-Gelenke) und Fingermittelgelenke (PIP-Gelenke)
- Handgelenke
- Zehengrundgelenke
- Knie-, Sprung- und Schultergelenke
- Im fortgeschrittenen Stadium auch die Halswirbelsäule (atlantoaxiales Gelenk)
Darüber hinaus kann die RA als systemische Erkrankung zahlreiche weitere Organe betreffen: Rheumaknoten (subkutane Knötchen über Knochenvorsprüngen), Entzündungen der Augen (Skleritis, Keratokonjunktivitis sicca), der Lunge (Pleuritis, interstitielle Lungenerkrankung) und des Herzens (Perikarditis) sind bekannte extraartikuläre Manifestationen.
Allgemeinsymptome und systemische Zeichen
Viele Arthritis-Formen gehen – besonders bei aktiver Entzündung – mit unspezifischen Allgemeinsymptomen einher, die von Betroffenen oft unterschätzt oder anderen Ursachen zugeschrieben werden:
- Erschöpfung und Fatigue: Anhaltende, nicht durch Schlaf behebbare Müdigkeit ist bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sehr häufig und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen
- Ungewollter Gewichtsverlust: Besonders bei chronisch-aktiver Entzündung durch erhöhten Energieverbrauch
- Subfebrile Temperaturen: Leicht erhöhte Körpertemperatur (37,5–38 °C) ohne klassische Erkältungssymptome
- Nachtschmerzen: Schmerzen, die den Schlaf stören und die Betroffenen aufwecken
- Muskelschmerzen: Diffuse Schmerzen in den gelenknahen Muskeln (ähnlich wie bei Myalgien)
- Depressive Verstimmungen: Als Reaktion auf chronischen Schmerz und Funktionsverlust, aber auch möglicherweise durch direkte entzündliche Mechanismen bedingt
Wann sollten Sie sofort zum Arzt?
Bestimmte Symptomkonstellationen erfordern eine zeitnahe oder sofortige ärztliche Abklärung:
- Plötzliche, starke Schwellung und Rötung eines einzelnen Gelenks mit Schmerzen und Fieber → Verdacht auf septische Arthritis (Notfall!)
- Gelenkbeschwerden nach Zeckenstich → Abklärung auf Borreliose
- Morgensteifigkeit länger als 30 Minuten über mehr als sechs Wochen → Abklärung auf rheumatoide Arthritis
- Gelenkbeschwerden bei bestehender Schuppenflechte → Abklärung auf Psoriasis-Arthritis
- Anhaltende Gelenkentzündung nach Infekt → Reaktive Arthritis
- Erstmaliger Gichtanfall oder Verdacht auf Gicht → Ärztliche Diagnose und Therapieplanung
- Allgemeinsymptome wie Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder unklares Fieber in Kombination mit Gelenkbeschwerden → Ausschluss systemischer Erkrankungen
Grundsätzlich gilt: Jede Gelenkentzündung, die länger als zwei bis drei Wochen anhält oder mit starken Allgemeinsymptomen einhergeht, sollte ärztlich untersucht werden.
Diagnose: Wie wird Arthritis festgestellt?
Der Weg zur richtigen Diagnose
Die Diagnose einer Arthritis ist oft ein mehrstufiger Prozess, da viele Formen in der Frühphase ähnliche Symptome zeigen und sich erst im Verlauf klar voneinander abgrenzen lassen. Zuständig für die Diagnose und Behandlung entzündlicher Gelenkerkrankungen sind in erster Linie Rheumatologen – Spezialisten für entzündlich-rheumatische Erkrankungen. Hausärzte spielen eine wichtige Rolle bei der Ersteinschätzung und der Überweisung zum Spezialisten.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Der erste und wichtigste Schritt ist das ausführliche Arztgespräch (Anamnese). Der Arzt fragt dabei nach:
- Beginn, Dauer und Charakter der Beschwerden
- Betroffene Gelenke und deren Verteilungsmuster (symmetrisch? einseitig?)
- Morgensteifigkeit und deren Dauer
- Begleiterkrankungen (Psoriasis, Darmerkrankungen, Infektionen)
- Familiengeschichte (rheumatische Erkrankungen in der Familie?)
- Medikamente und Vorbehandlungen
- Beruf, Lebensgewohnheiten, Ernährung, Alkoholkonsum
Bei der körperlichen Untersuchung beurteilt der Arzt systematisch alle Gelenke: Schwellungsgrad, Überwärmung, Druckschmerzhaftigkeit, Beweglichkeit und Funktionseinschränkungen werden dokumentiert. Standardisierte Scores wie der DAS28 (Disease Activity Score) helfen, den Aktivitätsgrad einer RA objektiv zu messen.
Labordiagnostik
Blutuntersuchungen liefern wichtige Hinweise auf das Vorliegen und den Typ einer Arthritis:
- Entzündungsmarker: CRP (C-reaktives Protein) und BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit) sind bei aktiver Entzündung erhöht
- Blutbild: Anämie und erhöhte Thrombozytenzahl können auf chronische Entzündung hinweisen
- Rheumafaktor (RF): Bei ca. 70–80 % der RA-Patienten positiv, aber nicht spezifisch (auch bei anderen Erkrankungen oder gesunden Personen nachweisbar)
- Anti-CCP-Antikörper (ACPA): Hochspezifisch für RA, können Jahre vor dem klinischen Ausbruch nachweisbar sein
- ANA (Antinukleäre Antikörper): Hinweis auf Lupus und andere Kollagenosen
- Harnsäure: Erhöhte Werte bei Gicht (Achtung: Im akuten Anfall kann der Harnsäurewert normal oder sogar erniedrigt sein)
- HLA-B27: Genetischer Marker, assoziiert mit ankylosierender Spondylitis und anderen Spondyloarthritiden
- Erregerdiagnostik: Blutkulturen, Abstrichuntersuchungen oder serologische Tests bei Verdacht auf infektiöse oder reaktive Arthritis
Bildgebende Verfahren
Röntgenaufnahmen zeigen bei früher Arthritis oft noch keine Veränderungen, sind aber wichtig für die Verlaufsbeurteilung und den Nachweis von Erosionen oder Gelenkspaltverschmälerungen im fortgeschrittenen Stadium. Modernere Verfahren ermöglichen die Früherkennung:
- Ultraschall (Sonographie): Hervorragend geeignet, Gelenkschwellungen, Synovitis (Entzündung der Gelenkschleimhaut), Ergüsse und Sehnenveränderungen darzustellen – schnell, kostengünstig und strahlungsfrei
- MRT (Magnetresonanztomographie): Zeigt Knochenmarksödeme (frühe Knochenveränderungen), Erosionen und Weichteilveränderungen bereits in Frühstadien; besonders wertvoll bei Wirbelsäulenbefall
- CT (Computertomographie): Vor allem für knöcherne Strukturen und bei unklaren Befunden
- Szintigraphie: Kann Entzündungsherde im gesamten Körper darstellen, wird seltener eingesetzt
Gelenkpunktion (Arthrozentese)
In bestimmten Fällen wird Gelenkflüssigkeit (Synovia) aus einem geschwollenen Gelenk entnommen und analysiert. Dies ist besonders wichtig beim Verdacht auf eine septische Arthritis (mikrobiologische Untersuchung) oder zur Unterscheidung zwischen Gicht und anderen Kristallarthropathien (Kristallnachweis im Polarisationsmikroskop). Die Punktion dient nicht nur der Diagnostik, sondern kann auch therapeutisch wirken, indem überschüssige Gelenkflüssigkeit abgelassen wird.
Behandlung: Moderne Therapieoptionen bei Arthritis
Ziele der Arthritis-Therapie
Die Therapie der Arthritis verfolgt mehrere übergeordnete Ziele: Entzündung kontrollieren, Schmerzen lindern, Gelenkfunktion erhalten und langfristige Gelenkschäden verhindern. Bei chronischen Verlaufsformen wie der rheumatoiden Arthritis hat sich in den letzten Jahren das Konzept des „Treat-to-Target" (T2T) etabliert: Man behandelt so intensiv, bis ein klar definiertes Ziel – Remission oder zumindest niedrige Krankheitsaktivität – erreicht ist, und passt die Therapie regelmäßig an.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung der Arthritis umfasst verschiedene Substanzklassen:
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac und Celecoxib hemmen die Cyclooxygenase-Enzyme (COX-1 und COX-2) und damit die Prostaglandinsynthese. Sie wirken entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend und sind bei vielen Arthritis-Formen die erste medikamentöse Maßnahme. Bei Langzeitanwendung können sie jedoch Magen-Darm-Beschwerden, Nieren- und Herzkreislaufprobleme verursachen – eine ärztliche Begleitung ist daher wichtig.
Kortikosteroide (Glukokortikoide): Präparate wie Prednisolon oder Methylprednisolon haben eine starke, rasch einsetzende entzündungshemmende Wirkung. Sie werden bei akuten Schüben, als Überbrückungstherapie oder lokal (intraartikuläre Injektion) eingesetzt. Bei Langzeitanwendung sind Nebenwirkungen wie Osteoporose, Diabetes, Gewichtszunahme und Infektanfälligkeit zu beachten.
Konventionelle synthetische DMARDs (csDMARDs): DMARDs (Disease-Modifying Antirheumatic Drugs) sind die Basistherapie der rheumatoiden Arthritis und anderer chronischer Arthritiden. Sie greifen in die Entzündungsprozesse ein und können die Gelenkzerstörung verlangsamen oder aufhalten. Das Mittel der ersten Wahl ist Methotrexat (MTX), das einmal wöchentlich eingenommen wird und dessen Wirkung nach 4–12 Wochen einsetzt. Weitere csDMARDs sind Leflunomid, Hydroxychloroquin und Sulfasalazin.
Biologische DMARDs (bDMARDs): Biologika sind biotechnologisch hergestellte Antikörper oder Rezeptorproteine, die gezielt in Entzündungskaskaden eingreifen. Sie stehen zur Verfügung, wenn csDMARDs nicht ausreichend wirken:
- TNF-α-Inhibitoren: Etanercept, Adalimumab, Infliximab, Certolizumab, Golimumab – hemmen den Tumornekrosefaktor-alpha
- IL-6-Inhibitoren: Tocilizumab, Sarilumab – blockieren den Interleukin-6-Signalweg
- IL-17-Inhibitoren: Secukinumab, Ixekizumab – besonders wirksam bei Spondyloarthritiden und Psoriasis-Arthritis
- CD20-Antikörper: Rituximab – deplettiert B-Lymphozyten, Option bei RA
- CTLA-4-Ig: Abatacept – hemmt die T-Zell-Aktivierung
Zielgerichtete synthetische DMARDs (tsDMARDs): JAK-Inhibitoren (Januskinase-Inhibitoren) wie Tofacitinib, Baricitinib oder Upadacitinib sind oral einnehmbare Präparate, die intrazellulär in Signalwege eingreifen. Sie stellen eine wichtige Behandlungsoption für Patienten dar, bei denen Biologika nicht ausreichend wirken oder nicht geeignet sind.
Spezifische Therapie bei Gicht: Nach Abklingen eines akuten Anfalls wird bei rezidivierender Gicht eine dauerhafte harnsäuresenkende Therapie mit Allopurinol oder Febuxostat eingeleitet, um den Harnsäurespiegel dauerhaft unter den Kristallisationsschwellenwert zu senken.
Nicht-medikamentöse Therapieansätze
Medikamente allein reichen bei Arthritis meist nicht aus. Ein umfassendes Behandlungskonzept schließt stets nicht-medikamentöse Maßnahmen ein:
- Physiotherapie: Gezielte Krankengymnastik erhält und verbessert die Gelenkbeweglichkeit, stärkt die gelenkstabilisierende Muskulatur und kann Schmerzen lindern. Individuell angepasste Übungsprogramme sind ein zentraler Baustein der Langzeittherapie
- Ergotherapie: Hilft Betroffenen, Alltagsaktivitäten trotz Gelenkbeschwerden zu bewältigen – durch gelenkschonende Bewegungsstrategien, Hilfsmittel (Griffverdickungen, Schienen) und die Anpassung des Arbeitsplatzes
- Physikalische Therapie: Wärme- oder Kälteanwendungen können Schmerzen lindern und Entzündungen beeinflussen. Bei aktiver Entzündung wird oft Kälte bevorzugt, bei chronischen Beschwerden kann Wärme wohltuend wirken
- Hydrotherapie und Balneotherapie: Bewegungsübungen im Warmwasser entlasten die Gelenke und ermöglichen Bewegungen, die an Land schmerzhaft wären
- Ernährungsanpassung: Eine mediterrane Ernährung mit reichlich Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch (reich an Omega-3-Fettsäuren) und Olivenöl wird mit niedrigeren Entzündungswerten assoziiert. Bei Gicht ist eine purinarme Ernährung und Alkoholverzicht wichtig
- Gewichtsreduktion: Übergewicht belastet nicht nur mechanisch die Gelenke, sondern das Fettgewebe setzt auch Entzündungsbotenstoffe frei; eine Gewichtsreduktion kann die Krankheitsaktivität positiv beeinflussen
- Psychologische Unterstützung: Chronische Schmerzen und Funktionseinschränkungen können zu Depressionen und Angststörungen führen. Verhaltenstherapeutische Strategien, Schmerzbewältigungsprogramme und Entspannungstechniken (Mindfulness, Progressive Muskelrelaxation) sind wichtige Ergänzungen
- Patientenschulung: Gut informierte Patienten, die ihre Erkrankung verstehen und aktiv mitmanagen, haben nachweislich bessere Behandlungsergebnisse
Operative Therapie
In fortgeschrittenen Stadien, wenn konservative Maßnahmen nicht mehr ausreichen, kommen operative Eingriffe in Betracht:
- Synovektomie: Operative Entfernung der entzündeten Gelenkschleimhaut (arthroskopisch oder offen)
- Gelenkrekonstruktion: Korrektur von Fehlstellungen und Deformitäten
- Endoprothese: Künstlicher Gelenkersatz bei weitgehend zerstörten Gelenken (Knie-, Hüft- oder Fingergelenksersatz)
- Arthrodese: Operative Versteifung eines Gelenks zur Schmerzreduktion, wenn Beweglichkeit nicht mehr sinnvoll erhaltbar ist
Zusammenfassung: Das Wichtigste zu Arthritis
Arthritis verstehen – und aktiv damit umgehen
Arthritis ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Oberbegriff für eine Vielzahl entzündlicher Gelenkerkrankungen mit unterschiedlichen Ursachen, Verläufen und Therapieansätzen. Von der autoimmun bedingten rheumatoiden Arthritis über die reaktive und septische Arthritis bis hin zur Gicht-Arthritis – jede Form erfordert eine spezifische Diagnose und ein individuell angepasstes Behandlungskonzept.
Die wichtigsten Kernaussagen im Überblick
- Arthritis bedeutet Gelenkentzündung und ist von der degenerativen Arthrose klar zu unterscheiden
- In Deutschland sind allein von rheumatoider Arthritis schätzungsweise 800.000 bis über eine Million Menschen betroffen
- Die häufigste Form, die rheumatoide Arthritis, ist eine Autoimmunerkrankung mit symmetrischem Gelenkbefall und charakteristischer Morgensteifigkeit
- Weitere wichtige Formen sind Psoriasis-Arthritis, reaktive Arthritis, septische Arthritis, Gicht und Spondyloarthritiden
- Genetische Faktoren, Rauchen, Übergewicht, Infektionen und hormonelle Einflüsse spielen bei der Entstehung eine Rolle
- Klassische Entzündungszeichen sind Schmerz, Schwellung, Rötung, Überwärmung und Funktionseinschränkung
- Die Diagnose stützt sich auf Anamnese, körperliche Untersuchung, Labordiagnostik, Bildgebung und ggf. Gelenkpunktion
- Moderne Therapien umfassen NSAR, Kortikosteroide, konventionelle und biologische DMARDs sowie JAK-Inhibitoren
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen – Physiotherapie, Ergotherapie, Ernährungsanpassung, Psychologie – sind integraler Bestandteil jeder guten Arthritis-Therapie
- Frühzeitige Diagnose und konsequente Therapie können Gelenkschäden verhindern und die Lebensqualität deutlich verbessern
Gemeinsam mit dem Arzt die beste Strategie finden
Entscheidend ist: Arthritis ist heute in den meisten Fällen gut behandelbar. Dank moderner Biologika und zielgerichteter Therapien können viele Patienten eine Remission – also ein Verschwinden der aktiven Entzündung – erreichen und ein weitgehend normales Leben führen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine frühzeitige und fachkundige Diagnose sowie eine konsequente, regelmäßig überprüfte Therapie.
Wer bei sich Symptome einer möglichen Arthritis bemerkt, sollte nicht zu lange abwarten. Besonders bei anhaltender Morgensteifigkeit, geschwollenen Gelenken oder systemischen Begleitsymptomen ist eine rheumatologische Abklärung ratsam. Je früher eine Arthritis erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Langzeitprognosen für Gelenkfunktion und Lebensqualität.
Weiterführende Informationen zu verwandten Erkrankungen des Bewegungsapparates – etwa zu Muskelschmerzen, Sehnenproblemen oder anderen rheumatischen Erkrankungen – finden Sie in unserem medizinischen Lexikon. Informieren Sie sich auch über verwandte Beschwerdebilder wie Myalgien oder Sehnenscheidenentzündungen, die häufig im Zusammenhang mit entzündlichen Gelenkerkrankungen auftreten können.
Medizinischer Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine persönliche Beratung, Untersuchung oder Diagnose durch einen approbierten Arzt oder Orthopäden. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte immer einen Facharzt.
📚Wissenschaftliche Quellen
Die folgenden externen Quellen dienen als Grundlage für die in diesem Artikel präsentierten Informationen:
- 📋LeitlinieS2e-Leitlinie: Management der frühen rheumatoiden Arthritis (DGRh)https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-002
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie: Rheumatoide Arthritishttps://dgrh.de/Start/Patienten/Erkrankungen/Rheumatoide-Arthritis.html
- 📊StudieSmolen JS et al.: EULAR recommendations for the management of rheumatoid arthritis with synthetic and biological disease-modifying antirheumatic drugs. Ann Rheum Dis, 2023https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36585459/
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